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Lesetipp: umwelt - medizin - gesellschaft, 3/2014

umg_3-14Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift umwelt – medizin – gesellschaft ist dem Schwerpunktthema „Neue Medien – Neue Risiken“ gewidmet. Das Organ mehrerer umweltmedizinischer Verbände beleuchtet in vier Beiträgen ausführlich die Konditionierung zum digitalen Konsum, die Auswirkungen digitaler Medien und des Mobilfunks auf den Menschen, sowie die der Mobilfunkstrahlung auf landwirtschaftliche Nutztiere.

Schon alleine das Editorial ist lesenswert: Prof. Dr. phil. Karl Richter, Mitglied im Vorstand der Kompetenzinitiative, bringt die „Allmacht der Technik und die Ohnmacht der Betroffenen“ auf den Punkt und schließt mit den Forderungen an eine zukunftsfähige Mobilfunkpolitik, die Verwaltungsrichter i. R. Bernd Budzinski im Frühjahr diesen Jahres während der Tagung der Kompetenzinitiative „Langzeitrisiken des Mobil- und Kommunikationsfunks“ in einem Vortrag formulierte:

  1. Nicht-ionisierende Strahlung, wie sie der Mobilfunk verwendet, ist als umweltschädlich i.S. des § 3 I Bundesimmissionsschutzgesetzes zu bewerten.
  2. Mobilfunkwellen sind rechtlich generell genauso wie etwa Autoabgase oder Zigarettenrauch, aber auch schwache radioaktive Strahlung, zu behandeln.
  3. Das bedeutet: Aufklärung der Bevölkerung, Handyverbot für Kinder, genereller Kabelvorrang, Ende der sog. Indoor-Versorgung, funkfreie Gebiete und allgemeine Sendeleistungsminimierung aller Funktechniken auf das technisch notwendige Maß sowie Erlass eines Mobilfunkgesetzes mit Kinder-, Nachbar- und Versicherungsschutz.

Aktivurlaub ohne Elektrosmog

„Digital detox“ ist ein Werbeslogan, mit dem zunehmend mehr Hotels und Tourismusvereine um Gäste buhlen. Vom Abschalten und zur Ruhe kommen ist da die Rede, vom Handy an der Rezeption abgeben und von Internetabstinenz. Wer beruflich unter einem internetbasierten Informationsoverload leidet oder sich selbst durch übermäßigen Smartphonegebrauch in den Überdruss manövriert hat, für den mag so ein Urlaubsangebot eine willkommene, wenn auch gewöhnungsbedürftige Abwechslung sein. Für elektrosensible Urlauber sind solche „Digital detox“-Packages in den seltensten Fällen geeignet, denn wenn man die entsprechenden Gastgeber genauer unter die Lupe nimmt, dann sieht man, dass diese Hotels technisch „up-to-date“ sind und oft im ganzen Haus WLAN genutzt werden kann. Für Internet-Junkies auf kaltem Entzug sicher eine beruhigende Tatsache.

survive2lifeEin Aktivurlaubsangebot, das tatsächlich fernab von Mobilfunkstrahlung stattfindet, sind die „From Survive to Life“-Seminare des Schweizer Erlebnis-Coachs Marcel Hager. Angeboten werden neben Einzelcoachings 24 Stunden dauernde Survivaltrainings, Wochenenden oder eine ganze Woche, die in der freien Natur verbracht wird, mit all ihren Unwägbarkeiten. Geschult werden dabei der Orientierungssinn, das Decken der Grundbedürfnisse auch in Notsituationen, der eigene Durchhaltewillen und der Zusammenhalt in der Gruppe. Kurzgesagt handelt es sich um ein „Persönlichkeitstraining in der Wildnis“, um Team- und Charakterbildung, um Empowerment und Visionsfindung.

Die Trekking- und Outdoor-Trainings der Stufe 2 (2 Tage) finden in mobilfunkfreien Gebieten in der Schweiz statt, die Trainings der Stufe 3 (6 Tage) abseits der Zivilisation in Island, Grönland, Lappland, Schottland und Sardinien.
Teilnahmevoraussetzung ist eine durchschnittliche Grundkondition. Von Vorteil ist es, keine Höhenangst zu haben. Die Gruppen sind gemischt, es besteht allerdings ein Seminar nur für Männer und im September 2015 wird es ein „Charakter-Wochenende“ speziell für Frauen geben.

Bildquelle und weitere Infos: http://survive2life.ch

 

Funkfreie Gebiete für Mensch & Natur

strahlenfreie-zoneIm Mai 2011 forderte der Europarat alle Regierungen der europäischen Länder zu einer Wende hinsichtlich der Mobilfunkpolitik auf: Die europäischen Regierungen sollten ihr Möglichstes tun, um die Strahlenbelastung durch den Mobilfunk zu reduzieren. Dazu wurden konkrete Sofortmaßnahmen im Rahmen einer Vorsorgepolitik vorgeschlagen, wie Aufklärungskampagnen, insbesondere für Kinder und Jugendliche, edukative Maßnahmen, mit dem Ziel den Handygebrauch rigoros einzuschränken, sowie Schulen als WLAN-freie Zonen. Für elektrosensible Menschen wurde die Erhaltung oder Schaffung funkfreier Gebiete gefordert. Außerdem die Anerkennung der athermischen gesundheitsschädlichen Wirkungen der Mikrowellenstrahlung, mit der dich daraus ergebenden, zwingenden Senkung der Grenzwerte.

mobilfunk-sendeanlageMobilfunk ist in unserer Zeit nicht mehr wegzudenken und sorgt neben anderen Vorteilen natürlich auch für eine gewisse Sicherheit im Ernstfall. Daher: Eine Abschaffung steht nicht zur Diskussion. Jedoch reagieren mit der nahezu flächendeckenden Versorgung durch die GSM-, UMTS- und LTE-Netze immer mehr Menschen empfindlich auf elektromagnetische Strahlung. Der Umwelt- und Verbraucherorganisation „Diagnose Funk“ zufolge rechnet man derzeit mit 10-15% der Bevölkerung. Tendenz steigend. Diese und alle anderen Menschen sollten strahlungsfreie Rückzugsorte gesichert bekommen. Und dies nicht nur in der eigenen abgeschirmten Wohnung.

Seit der Einführung des LTE-Standards (2010), für den die Betreiber die Auflage erhielten zuerst die unterversorgten, ländlichen Gebiete abzudecken, sodass gerade dort inzwischen von einer höheren Strahlenbelastung „profitiert“ werden kann. In Deutschland gibt es kaum noch „weiße Flecken“ auf der Mobilfunk-Landkarte. Zum Schutz von Mensch und Natur sollten jedoch ganz bewusst Freizonen erhalten oder geschaffen werden. Wo nicht eine ganze Gemeinde an einem Strang zieht und sich gegen Mobilfunksender im Umkreis ausspricht, bieten sich vor allem Nationalparks für einen gesetzlichen Schutz an.

Wo „weiße Zonen“ existieren, handelt es sich entweder um

wifi_deletedünnbesiedelte Gebiete, die aufgrund der geographischen Voraussetzung schlecht zu erschließen und marktwirtschaftlich uninteressant sind. Hierzu zählen z. B. einige wenige verbleibende Täler in der Alpenregion.

wifi_deleteGebiete, die aufgrund „höheren Interesses“ mobilfunkfrei gehalten werden, wie z. B. die National Radio Quiet Zone im Osten der USA, wo der Empfang des Green-Bank-Teleskops nicht durch Mobilfunk gestört werden soll.

wifi_deleteGebiete, die durch Bürgerinitiativen oder den Einsatz engagierter Einzelpersonen geschützt werden, wie z. B. der Parc del Carnè in Italien (PDF) und andere Gebiete insbesondere in Frankreich und Spanien. In Deutschland kämpfte der Verein Weisse Zone Rhön für eine strahlungsreduzierte Gemeinde Mansbach. Die Bemühungen wurden allerdings durch die Einrichtung einer TETRA-Sendeanlage zunichte gemacht.

Auch wenn elektrosensible Menschen dringend Bedarf an mobilfunkfreien, naturnahen Erholungsräumen haben – und der Erhalt solcher Zonen auch für die Natur wichtig wäre – wird es wohl noch etwas dauern, bis Gemeinden (und Touristikvereine) die Chancen erkennen, die in einem konsequenten Schutz oder Aufbau „weißer Zonen“ liegen.

Bildquellen: Rainer Sturm/pixelio.de (Bild 1), Tom Mueck/pixelio.de (Bild 2)